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Rezension | „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami

Als ich ca. 2005 die Rezension des Radiohead Albums “Hail To The Thief” auf laut.de gelesen habe, konnte ich nicht ahnen, dass eine literarische Querreferenz am Ende des Textes (Wer zum Teufel ist “Mister Aufziehvogel”?) die Entdeckung einer meiner Lieblingsautoren zur Folge haben könnte . Aber manchmal sind es eben die kleinen Dinge…

 

Nun sind einige Jahre ins Land gezogen und ich habe viele schöne Lesestunden mit den Büchern von Haruki Murakami verbracht. Nachdem wir zuletzt vor sechs langen Jahren in den Genuss eines neuen Romans (“Die Ermordung des Commendatore 1 & 2”) gekommen sind, saß man auch danach als Fan nie so ganz auf dem Trockenen – immer wieder veröffentlichte der DuMont Buchverlag Kurzgeschichtensammlungen oder Erzählbände; aber irgendwann hilft auch das beste Surrogat (ich hätte fast Methadon geschrieben…) nicht als Ersatz.

 

Am 12. Januar war es dann endlich soweit und pünktlich zum 75. Geburtstag des Meisters liegt nun der neue Roman “Die Stadt und ihre ungewisse Mauer” vor. Worum geht es also und was verbirgt sich hinter diesem doch etwas sperrigen Buchtitel für eine Geschichte? – Der namenlose 17-jährige Protagonist ist unsterblich in eine ebenso namenlose 16-jährige verliebt. Tief ist die innere Verbundenheit, die die beiden zueinander verspüren und doch kann sich das Mädchen nicht ganz auf die Beziehung einlassen, denn ihr “wahres” ich lebt in der geheimnisvollen, titelgebenden Stadt. Natürlich will unser Protagonist alsbald folgen, allerdings gibt es eine Bedingung um Einlass gewährt zu bekommen – man muss seinen Schatten zurücklassen. Gesagt, getan und vorerst leben die beiden ein unbeschwertes Leben, nach den nicht immer ganz zu fassenden Regeln und Zeiten der Stadt. Nach einiger Zeit erkennt unser Protagonist allerdings, dass er ohne seinen Schatten nicht leben kann, “befreit” ihn, kehrt seiner Jugendliebe den Rücken und macht sich unter mysteriösen Umständen auf den Weg zurück in die “richtige” Welt. 

 

Viele Jahrzehnte vergehen – der Erzähler führt ein weitestgehend normales Leben, geht studieren, findet Arbeit in der Buchbranche, hat die ein oder andere Liebesbeziehung und kann doch die Erinnerung an damals nicht ganz vergessen. Nach einer Midlife-Crisis ähnlichen Episode beschließt er, seine Arbeit in Tokyo von heute auf morgen zu kündigen, um einer inneren Eingebung folgend eine Stelle als Bibliotheksleiter in einem kleinen Dorf in der Präfektur Fukushima anzutreten. Hier nun begegnen ihm viele Murakami-Typische Gestalten (der ehemalige Direktor der Bücherei, von dem man nicht ganz sicher sein kann, ob er wirklich noch existiert, oder einem kleinen Jungen, der savantähnliche Fähigkeit hat und eine starke Bindung mit unserem Protagonisten eingeht, obwohl er fast nie spricht) und die “Stadt und ihre ungewisse Mauer” scheint unseren Erzähler nun vollends wieder einzuholen.

 

Was etwas langatmig und verworren klingt, ist es auch – in meinen Worten. Wenn der Meister selbst Hand anlegt, entsteht ein zutiefst feinfühliger, melancholischer Roman über die großen Themen Alter und Tod, (Jugend-)Liebe, Abschluss mit vergangen Lebensabschnitten, der mit solcher Finesse und Sicherheit zwischen den verschiedenen Erzählebenen wechselt, dass man als Leser teilweise nur innehalten und staunen kann.  Das ganze gepaart mit seinem unvergleichlich ruhigen Schreibstil, der immer wieder an die Großmeister des “Magischen Realismus” (z.B. Gabriel Garcia Marquez) erinnert, lässt einen unvergleichlichen “Lesesog” dem ich mich nur schwer entziehen kann. 

 

Aber so viel Mühe ich mir auch gebe, die Qualitäten eines Murakami-Romans zu beschreiben, ist es ein fast immer zum Scheitern verurteiltes Unterfangen – besser, man liest selbst rein und macht sich ein eigenes Bild. Hierfür eignet sich “Die Stadt und ihre ungewisse Mauer” wiederum definitiv, greift es doch auf so einige typische Versatzstücke zurück und verbindet sie zu einem ganz wunderbar Leseerlebnis.

 

Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Murakami-Roman und kann nur hoffen, dass der DuMont-Buchverlag ab und zu noch das ein oder andere Erzählbändchen veröffentlicht. In der Zwischenzeit lasse ich diesen Roman noch einmal Revue passieren und schmeiße dazu (um den Kreis zu schließen) Radioheads “Hail To The Thief” an. 

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