• „Stockmans Melodie“ – Joao Tordo

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Kennen Sie das Gefühl, das sich manchmal einstellt gegenüber von Personen: Eine eigentümliche und unerklärliche Vertrautheit? Momente, in denen man sich dem anderen erschreckend verbunden und viel zu nahe fühlt? Was für ein Schock muss es sein, wenn dieses Gefühl gegenüber einer vollkommen fremden Person auftritt.
Aber vielleicht legt sich das Unverständnis warum eine Buchbesprechung diese „mythisch“ anmutenden Fragen gleich zu beginnt stellt, nach einer kurzen Einleitung. Mit der Tür ins Haus zu fallen ist ja eher unhöflich.
In dem neuen Roman von João Tordo, „Stockmans Melodie“, geht es zunächst um Hugo, einem gescheiterten Musiker. Gleich zu Beginn kehrt dieser der Stadt Montreal den Rücken. Alkohol, Drogen, beträchtliche Schulden und eine gescheiterte Karriere, das alles lässt Hugo zurück. Er kehrt heim nach Lissabon, um nun dort sein Glück zu finden. Im Gepäck nur seinen angeschlagenen Kontrabass und die Idee zu einer Komposition, die ihn seit langer Zeit beschäftigt. Bei einem Konzert des berühmten Pianisten Luís Stockman geschieht allerdings das unerklärliche: Stockman spielt Hugos Komposition. Woher kennt der Pianist Hugos Ideen? Woher kommt die albtraumhafte Verbundenheit? Ab dem Moment beginnt für beide Protagonisten des Romans der Kampf zwischen der realen Welt und möglicher Fiktion.
Verwirrend, melancholisch und hervorragend erzählt sind nur ein paar Begriffe, die mir einfallen würden, wenn ich den Roman von Tordo aus dem Stegreif beschreiben müsste. Doch diese Begriffe allein werden dem Roman nicht ansatzweise gerecht, also bin ich froh, ein wenig mehr Zeit zu haben um den in zwei Teile gegliederten Roman etwas näher beleuchten zu können.
Der erste Teil beschreibt die Innensicht von Hugo und ist von der Atmosphäre her eher emotional, hat mich immer mehr mit in die Gedankenwelt einer gescheiterten Existenz genommen. Die Szenen sind lebhaft und eindringlich beschrieben und ab dem Auftreten Stockmans verdichtete sich der Teil zu einem Kampf mit der Realität, die Hugo umgibt. Die Passagen des Selbstzweifels und der eigenen Verleugnung, gipfeln für mich in einem literarisch hochwertigen Finale. Mir war Hugo als Protagonist auf Anhieb sympathisch und bei jeder Seite wollte ich mehr erfahren, schneller lesen, wurde mein Verstand erprobt.
Doch die wirklich hohe Qualität des Romans und des Autors, beginnen für mich mit dem 2. Teil der Handlung. Die dort gebrachte Leistung unterscheidet Tordo für mich deutlich von anderen Schriftstellern, die ich in jüngster Zeit gelesen habe. Schade, dass ich nicht früher etwas von dem Autor gehört habe, der in seiner Heimat Portugal bereits einige renommierte Preise entgegen nehmen durfte. Zu Recht finde ich.
In diesem besagten 2. Teil erfolgt ein kompletter Wechsel der Perspektive, nun ist Stockman der Protagonist im Rampenlicht, wird aber nur sehr neutral von einem befreundeten Schriftsteller beschrieben. Hier beginnt die wahre Suche nach dem Ich Hugos und Stockmans, hier wird versucht, der Frage auf den Grund zu gehen: Können wir etwas vermissen, was wir nie wirklich gekannt haben? Der Leser wird mit seinen eigenen (vielleicht) verwirrenden Schlussfolgerungen zur bisherigen Geschichte konfrontiert, stellt diese infrage und ist somit mehr und mehr ein aktiver Teil des Hauptmotivs des Romans. Er kann die Macht der Absurdität und des Zweifels am eigenen Leib, während der Lektüre miterleben. Genau das war der Moment, in dem ich mich vom Autor quasi „in den Roman entführt“ gefühlt habe.
Meiner Meinung nach ist es João Tordo mit diesem Roman gelungen, ein perfekt inszeniertes Verwirrspiel aufzuführen. Es nimmt den Leser auf erstaunliche Art und Weise gefangen und
trotz der stellenweise nicht ganz einfachen Thematik, ist man gefesselt von der sich verdichtenden Handlung und gepackt von der Intensität der Charaktere. Eine Symphonie von einem Roman und eine großartige Leistung.
Eine Empfehlung von Mike Wagner.
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